von Carolin Schäfer und Dorothea Freudenberger, Klasse 10



Sechzig Jahre hat es gedauert, bis die Ungarin Eva Pusztai über Auschwitz-Birkenau reden konnte, wohin sie 1944 im Viehwaggon  gebracht wurde, und wo ihre Eltern und ihre Schwester umgebracht wurden. Erst als sie im Jahre 2004 Auschwitz wieder besuchte, wurde ihr klar, dass sie die Erinnerung an das Grauen bei den jüngeren Leuten wach halten musste. Darum war sie heute in unserer Schule und erzählte uns, den Zehnerklassen, aus der Zeit, als Ungarn von den Nazis besetzt war. Sie ist 85 Jahre alt, spricht sehr gut Deutsch und ist eine schlanke Frau mit sehr hellen blauen Augen und weißen Locken.

In Ungarn wird über den Holocaust nicht viel gesprochen, sagt Frau Pusztai, doch Ungarn sei eines der ersten Länder mit Gesetzen gegen Juden gewesen: Bereits 1920 traten erste in Kraft. Im März 1944 kam die Wehrmacht in Eva Pusztais Heimatort Debrecen, drei Monate später wurde die Familie Pusztai schon mit vielen anderen nach Auschwitz verschleppt. Die ungarische Regierung habe die Juden loswerden wollen, erklärt sie, darum wurden 430.000 Juden innerhalb kurzer Zeit in die Konzentrationslager gebracht, 340.000 sofort getötet.  

Eva Puzstai erzählt, wenn sie andere Überlebende aus Auschwitz trifft, dann gibt es zwei Themen, über die sie als erstes sprechen: Die Fahrt in das Lager und die Selektion. Als sie uns darüber berichtet, wird uns klar, dass solche Erlebnisse einen nie wieder loslassen.
Achtzig Menschen mit Gepäck wurden in einen Viehwaggon fast ohne Wasser, ohne Essen, ohne Toilette gesperrt. „Wer gestorben ist, ist gestorben und seine Leiche blieb im Waggon. Wer verrückt geworden ist, schrie und blieb im Waggon“, sagt Eva Pusztai. So fuhren sie durch drei heiße Sommertage nach Auschwitz.
Als sie am 1. Juli 1944 dort ankamen, begann die Selektion – aber die neu Angekommenen kannten das Wort noch nicht und wussten nicht, was mit ihnen passierte. Kranke, Kinder unter 16 oder Alte über sechzig kamen auf die eine Seite, gesunde Erwachsene auf die andere. Eva Pusztai blieb alleine – sie kam von ihrer Familie als einzige zu der Gruppe der Arbeitsfähigen, die überleben sollten. Doch es dauerte noch Tage, bis ihr und den anderen im Lager internierten Menschen klar wurde, dass der Rauch über dem Lager das letzte war, was sie von ihrer Familie sehen würden. Denn diese waren  sofort in die Gaskammern gebracht und dann verbrannt worden.
Eine Mitschülerin fragt, was denn mit den Babys passiert sei. Die Antwort verschlägt uns den Atem: „Sie sind sofort umgebracht worden. Darum hat man sie alten Menschen gegeben, damit die Mutter wenigstens überleben konnte, denn mit dem Kind auf dem Arm wäre sie auch sofort vergast worden.“
Um uns klar zu machen, wie der Alltag im Lager war, forderte sie uns auf, uns vorzustellen, man hätte uns alles genommen: Vater, Mutter, Geschwister, Freunde, Wohnung, Zimmer, Bad und Toilette, Bücher, Spiele, Kosmetik, Kleider, Haare (denn den Gefangenen wurden allen der Kopf rasiert). „Auschwitz war gut organisiert, wie eine Fabrik. Der erste Eindruck war: Man spricht nicht, man brüllt. Der zweite Eindruck war: Die Luft ist schwer.“ Das lag daran, dass die Leichen der getöteten Menschen teilweise auch offen verbrannt wurden, weil die Krematorien nicht ausreichten.
Nach sechs Wochen, im August 1944, wurde Eva Pusztai mit anderen Gefangenen nach Allendorf in Hessen gebracht, wo sie in einem Rüstungswerk arbeiten mussten: Sie hantierten den ganzen Tag ohne Schutzkleidung mit giftigen Materialien, die die Haare, die langsam nachwuchsen, lila verfärbten. An den Folgen dieser Vergiftung leidet sie immer noch, aber sie hat das Grauen überlebt und konnte 1945 nach Ungarn zurückkehren.
Zum Abschluss sagt sie uns: „Ihr sollt euch eine Gesellschaft ohne Angst bauen, ohne Hass, eine Gesellschaft, in der sich jeder damit beschäftigen kann, was er am besten kann.“




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